Bonus-Artikel #CollegeMagazin
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enthält eine stetig wachsende Sammlung an kostenlosen Artikeln rund um pferdegerechtes Reiten und Gesundheit. Dort ist auch der folgende Artikel erschienen, der thematisch zu diesem Kurs passt und den wir dir deswegen auch hier als Bonus zur Verfügung stellen. Viel Spaß!

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In vielen Reithallen sieht man humpelnde oder widersetzliche Pferde, die trotz deutlicher Lahmheit geritten werden. Sie werden aber nicht als lahm bezeichnet, sondern als schief, unausbalanciert, dominant oder trageerschöpft. 



Seit wann heißt eine Lahmheit Schiefe, Balanceproblem, Trageerschöpfung oder Dysfunktion? Und seit wann ist es salonfähig geworden, lahme Pferde ohne seriöse Diagnostik durch Training zu verschlimmbessern? 

Wir beobachten seit einigen Jahren einen gefährlichen Trend, der die Sehgewohnheiten zuungunsten der Pferde verschlechtert. Es scheint, dass Lahmheit häufig nicht erkannt wird und es stattdessen zum guten Ton gehört, für die Lahmheit andere Begriffe zu verwenden, die Pferde ohne Diagnostik trotzdem zu trainieren und das dann Therapie, Kunst oder Verhaltenstraining zu nennen und als Pferdeliebe zu verkaufen. Das Problem: Lahmheit wird weder erkannt noch klar benannt - auch nicht von hinzugezogenen Profis. 

Recht hat, wer trotzdem trainiert - die Ergebnisse sind fragwürdig, aber "es ist ja schon viel besser geworden, früher war es noch schlimmer". Und oft ist natürlich der Vorbesitzer schuld. 

Die Fraktion der Lahmheits-Verkenner vermeidet seriöse Lahmheitsuntersuchungen - weil sie es ehrlich nicht merkt oder es nicht sehen und trotzdem trainieren will. Vielleicht weil es nicht fancy ist, das Pferd monatelang nur geradeaus Schritt zu führen, vielleicht auch, weil man sich das Pferd zum Reiten gekauft hat oder weil man der Welt beweisen will, dass man seinen "schwierigen Fall" mithilfe der eigenen besonderen Fähigkeiten, viel Liebe und der gewählten Methode trotzdem hinkriegt.
Die Piaffe als "Therapie" hat viel mehr Glamour als Boxenruhe, das Intervalltraining lockt damit, dass man schnell fertig ist ubd nicht stundenlang spazieren gehen muss und der Kauf eines neuen Kopfstücks ist immernoch billiger als ein Klinikaufenthalt. 

Wäre es nicht viel ehrlicher und pferdefreundlicher, Kunden den Tierarztbesuch ans Herz zu legen, anstatt ihnen einen weiteren Reitkurs zu verkaufen oder eine neue Trainingsmethode, mit der Laien die Lahmheit gar nicht mehr so sehr sehen.
Weniger hip mag die Ehrlichkeit sein, aber erst wenn die Lahmheit nicht mit Schiefe und Co. verwechselt wird, Diagnostik betrieben, Probleme behandelt und das Pferd eventuell geschont wurde, ist eine ehrliche Trainingstherapie oder, so bitter das ist, möglicherweise die Entscheidung für ein Trainingsende angezeigt. 

Wenn es so weiter geht, erkennt niemand mehr, wie Pferde sich physiologisch bewegen würden, weil man nur noch lahme Pferde als trainier- und reitbar vorgesetzt bekommt: und zwar von Olympia bis Liberty und von Reitkunst bis Rennpass. 

Zu uns kommen ständig ratsuchende Pferdebesitzer, die schon lange ein schlechtes Bauchgefühl hatten, denen aber jahrelang von Stallkollegen, Trainern, Therapeuten und dem Internet eingeredet wurde, ihr Pferd sei nur schief, habe noch ein Balanceproblem oder liefe nur so schlecht, weil sie mehr Beritt, einen neuen Sattel, eine neue Reitweise oder ein bahnbrechendes Körperarbeits-Tool oder anderes Futter benötigen. 

Sorry, das ist Bullshit. 

Genau bei diesen Pferden zeigten sich jedes einzelne Mal nach professioneller Ganganalyse und daraufhin veranlasster seriöser Diagnostik massive Befunde, etwa chronische Fesselträgerschäden, zerstörte Menisken, irreparabel geschädigte Gelenke, chronische Hufrehe und vieles mehr. Nur durch Ganganalyse kann man wissen, ob und wo man suchen muss. Nur dadurch wurden die Befunde aufgedeckt und die Pferde vor weiteren Schmerzen durch noch so gut gemeintes Training bewahrt. 

Wir sollten alle an einem Strang ziehen! Es kann nämlich sehr hilfreich sein, Pferde mit Trainingstherapie in der Genesung zu unterstützen und es gibt heute glücklicherweise viele verschiedene tolle Konzepte und auch alternative Behandlungsmögkichkeiten, die je nach Befund gut geeignet oder auch unpassend sind. Das Passende auszuwählen funktioniert nur, wenn wir Lahmheiten als Lahmheiten erkennen und nicht durch Euphemismen wie Taktunreinheit oder Balanceproblem verwässern oder gar als Persönlichkeitsstörung oder Dominanzverhalten bezeichnen.
Egal, nach welchem Rehakonzept oder in welcher Reitweise man die Genesung unterstützen möchte oder für welche Behandlungsmethoden man sich entscheidet, allem voran steht das Erkennen von Lahmheiten. 

Die Lösung des Problems liegt also in Bildung für Besitzer, Trainer, Bereiter, Physiotherapeut, Osteopath und Tierarzt - also für jeden Pferdefreund. Ganganalyse ist heute keine Raketenwissenschaft mehr - das kann und sollte jeder lernen. 

Lerne selbst, den Gang deines Pferdes zu analysieren, um zu unterscheiden, ob es normal läuft, schief oder krank ist. Ersetze die Meinungen anderer Leute durch dein eigenes Wissen.